pö a pö #6 – 21.12.19 – um Sechs – Gebäude 8

pö a pö #6 – 21 December 2019 – at six o’clock – Gebäude 8 +++ english version below


Lass es, Lasse!


Räsüme #6

Liebe Jenossinen und Jenossen,

letztes Jahr gab es ja noch ein pö a pö. Loslassen war das Thema, das zum Programm gemacht wurde. Für alle Beteiligten ein Wunderwerk mit anzusehen, in welche Gefilde sich so ein Abend, Programm oder einfach eine Gruppe Menschen entwickelt, wenn man sich nicht zu sehr an den Ablaufplan hält, sondern den Dingen ihren Lauf lässt. Die einzigen Ingredienzien, die es dafür braucht: haus-gemachter Glühwein, original Dum Aloo und die Muße und den Mut, sich nicht zu sehr festzuhalten.
Die retrospektive Liste der ungeordneten Beiträge spricht Bände, die Skizze, die sich beim Aufräumen fand, gibt schon mal einen Vorgeschmack.

Alles liebe
Lennart

PS: Die Kosten für Verpflegung und Getränke sind auf den Euro genau von den Geldbeiträgen im Hut gedeckt worden. Es geht mit einer schwarzen Null in‘s neue Jahr.


Nachlese #6

a. theno-ones?
Von ‚random‘ und ‚unpractised‘ kann man bei Tom und Maxi wirklich nicht sprechen. Bleibt wohl nur ‚the no-ones‘ über? Oder etwa nicht? Auf jeden Fall gaben die beiden und vor allem Tom zusätzlichem Solo-Material den Rahmen, ohne den man kein Bild aufhängen und kein pö a pö durchführen kann.

1. Rabengedicht
Zwei langjährige Begleiter von pö a pö mal wieder in Kombination: Bert Brecht und Thomas Brandt – dafür aber immerhin mal ein wirklich nicht kanonisches, sondern Kinder-Gedicht:

Es war einmal ein Rabe
Ein schlauer alter Knabe
Dem sagte ein Kanari, der
In einem Käfig sang: schau her
Von Kunst
Hast du keinen Dunst.
Der Rabe sagte ärgerlich:
Wenn du nicht singen könntest
Wärst du so frei wie ich.

aus: Bertolt Brecht: Werke. Bd. 14/33. Hg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, Frankfurt: Suhrkamp, 1988 – 2000, S. 243-246.

2. Loslassen
Nicht nur Thema des Abends überhaupt, sondern auch Titel dieser Auftragsarbeit, also, ääh, stimmt ja gar nicht, dieses Gedicht ist ja bald ein Jahr alt und ganz ohne unser Zutun entstanden. Vielen Dank an den alten Jenossen und Autoren Andrej und den Vorleser Thilo.

Link zum [Text].

3. Postkarte
The literary form which is realizing a ‚let go‘ is definitely the letter or in this case a postcard. One of the few sorts of text which isn‘t availabe for the writer once it‘s done and sent. Except in my case where I actually forgot the postcard at home and couldn‘t hand it over to the receiver: the pö a pö participants. Here it is now:

4. Samira
Theoretisch-poetischen Input zum ‚Loslassen‘ kam von Samira. Ein persönlicher Streifzug durch Erinnerungen vom Loslassen und Festhalten kleiner Kinderhände beim Fliegenlernen bis zu Reflexionen zum Aufgeben der vielen möglichen Vorstellungen von einem selbst, die man nicht alle zugleich einlösen kann, während die Zeit voranschreitet und Tatsachen schafft. So fing sie das sich im Treibenlassen auflösende Loslassen dieses Abends in bildreicher doch präziser Sprache ein, um selbigen ungemein zu bereichern.

5. Max Freytag Trio
https://www.maxfreytag.de/
Record Release am 11. Januar um 20 Uhr im Weltempfänger:
https://www.facebook.com/events/507445823152228/

The Max Freytag Trio, somehow the main-act of this evening, gave us an extended preview to their recently recorded album ‘Picasso Fish Island’ which is still awaiting its release. Formed by Max (artist‘s name), Max (real name) and Arthur this small and unconventional jazz-group allowed us to float on their playful and atmospheric melodies. Bringing the jazz back to the streets by swamping them and leaving behind little Picasso Fish Islands.

(c) Fabian Seiler

6. Pause +++ Bahnhof +++ Verpflegung +++ Jam Session +++ Whatsoever
Was ist zu tun, wenn man in einer gepflegten Abendveranstaltung wie pö a pö sitzt, aber noch eine Freundin vom Bahnhof abzuholen ist? Dann wird natürlich eine Pause eingelegt. Aber was für eine! Eine Ausartung im Kunstsinne des Wortes. Selbst-gemachter Glühwein, ein Dum Aloo, dessen Rezept nun begehrte Ware ist, serviert mit einer Jam Session, die sich gewaschen hat: Da sieht man die Jazzer auf einmal die Besen für Sticks auswechseln.

7. Für Garderobe wird nicht gehaftet
Schwierig, einen Abend, der sich so entwickelt hat, wieder einzusammeln und in ruhige Bahnen zu lenken. Wie immer, helfen an solcher Stelle prinzipiell überfordernde – wenn mal so eben vorgelesen – Gemeinplätze, die [damalig] neueste Literatur betreffend weiter. Zum Beispiel der 6. Für Garderobe wird nicht gehaftet.

Nachzulesen hier: [Text]
Hans Magnus: Enzensberger: Gemeinplätze, die Neueste Literatur betreffend. In: Kursbuch15(1968), S. 187-197, hier v.a.: 195-196.

8. To The Muses
Another text approaching the clash of the miseries in the world and the beauty of the arts, which seems to be one of the basic themes underpinning of the whole pursuit of pö a pö, is definitely Agi Mishol’s ‘To The Muses’

Have a look: [Poem]
Agi Mishol: Look there: new and selected poems of Agi Mishol. Transl. by Lisa Katz, Saint Paul: Graywolf Press, 2006, p. 9.

9. Trutz‘ Statement
Der Ort an dem pö a pö dieses Male stattfinden und von dem es sich prägen lassen durfte, ist das Atelier des Bildhauers und Malers Trutz Bieck. Ein Ort, der wie einige andere Freiräume in lukrativer Lage, konkret bedroht bzw. in absehbarer Zeit zerstört wird von kommerziellen Interessen, in die sich Kultur weder einpassen kann und sollte. Nicht nur hierüber hatte Trutz etwas zu sagen, sondern auch über das Wesen der Kunst, Joseph Beuys, warum er pö a pö für richtig hält, sein letztes Projekt im Gebiete der Malerei und schließlich zum Abschluss kommend: Jetzt ist auch mal genug.

And then we found some pretty apt poem that was hanging at the wall of the studio for a couple of years. Once it was written by a feminist artist whose name remained blurred. However, Theresa did a great job re-reading this grand finale of the quartet of poems this day.

(c) Fabian Seiler

10. Пусть бегут неуклюже
Was sagt ein Krokodil an seinem Geburtstag: Пусть бегут неуклюже. Eben. Und so sang Hanna zunächst ein russisches Geburtstagsständchen und später sich selbst am Klavier begleitend ein Cover von Sufjan Stevens „Futile Devices“. Ganz nebenbei brachte sie so die besondere Atmosphäre eines besonders geselligen pö a pö-Familienfestes zum Leuchten.

11. Bilderauktion
Kein Atelier ohne Bilder, kein Kunst ohne Kommerz: Wir beendeten den Abend mit einer hochkarätigen Photoauktion. Die Gebote reichten von Plastikwasserlilien bis zu (selber ausgeschnittenen!) Döner Youth Stickern.

Folgendes Photographien fanden neue Besitzer*innen:

b. JamSession
As if one jam session wouldn‘t be enough! The whole bunch of musicians present at this evening made everyone dance until exhaustion on both sides put an end to this franzy of ecstasy. Nobody could say that Maxi and Tom would remain no-ones from now on.

c. James Bonn
Eine undankbare Aufgabe für Fabian dem Ende ein zweites Ende zu geben. Doch der nahm‘s (los)gelassen und eröffnete das demokratische Musik abspielen über seine Anlage: Ne, ne, Loslassen und so, mega Abend, so muss das sein.


Einladung #6

Liebe Jenossinen und Jenossen,

morgen, also am Samstag, den 21. Dezember,ist es schon wieder so weit: pö a pö steht im Haus. Bereits um 18 Uhr! Dieses Mal jedoch wieder an einem neuen Ort, bevor wir noch irgendwo zu heimisch werden. Und zwar in Trutz‘ Atelier im Gebäude 8, Deutz-Mülheimer Straße 127, Köln [Karte]. (Am Gebäude 9 vorbei der Eingang auf der rechten Seite. Im Treppenhaus hängen Schilder.)

Das Thema »loslassen« führt nicht nur zu einer so späten Einladung, sondern soll uns an dem Abend noch weiter beschäftigen. Doch wie immer, wenn man es sich gerade zu gemütlich gemacht hat, kommt etwas dazwischen: Wir wollen und dürfen nicht schweigen zu den andauernden Protesten in Indien.

Schöne Grüße
Lennart


Manifest #6

Liebe Jenossinnen und Jenossen,

es scheint eine unmögliche Aufgabe zu sein, ein Manifest über das »loslassen« zu formulieren. Sind es doch erst einmal unvereinbare Vorgänge, etwas zu manifestieren oder etwas los zu lassen. Doch vielleicht ist es möglich, über das Loslassen als solches etwas loszuwerden: Lässt man sich darauf ein, lassen sich mit Sicherheit Dinge fassen, die es Wert sind, genauer betrachtet zu werden. Jeder metaphorische Gebrauch von Sprache, so wie er im Falle des »Loslassens« vorliegt, hat sich irgendwie aus dem direkten Bezug auf die unmittelbar erfahrbare Umwelt entwickelt. In dieser Bildlogik setzt das Loslassen ein Fassen erst einmal voraus. Nur etwas, das man ergriffen hat, kann man anschließend wieder loslassen.

Wir raten Ihnen, nicht auf Ratschläge zu hören.

Als autonome Individuen, für die wir uns gerne halten, halten wir die Fäden, anhand derer wir uns durch unser Leben navigieren, sicher in den Händen. Haben sozusagen alles im Griff. An sich ein gutes Gefühl, Kontrolle darüber zu haben, was geschieht und was man tut. Der Wunsch, Kontrolle abzugeben, und so viel wird »loslassen« im metaphorischen Sinne in etwa bedeuten, resultiert häufig aus einer Überforderung. Wenn sich die Fäden verheddert haben, die Marionette verrenkt in der Luft hängt, und jedes weitere Zerren und Festhalten den Knoten bloß fester zu zieht, dann kann es nur helfen, die eigenen Hände erst einmal aus dem Spiel zu nehmen. An den Händen hängt etymologisch die Handlungsfähigkeit. Dieses sprachliche Erbe sollte jedoch nicht verschleiern, inwiefern auch die Entspannung der Handmuskulatur, das »Loslassen«, sich als sinnvolle Handlung qualifizieren kann.

Das arglose Wort ist töricht.1

Nur wenn man die Hände frei hat, ist man in der Lage etwas Neues anzunehmen, eine neue Aufgabe anzugehen. Festhalten und Loslassen folgen aufeinander wie Regen und Sonne, wie Wachen und Schlafen. Es geht gar nicht darum, sich für das ein oder andere zu entscheiden. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, zu wissen, was wann zu tun ist. Töricht wäre es, in finsteren Zeiten sich auf dem glücklichen Zufall des eigenen Luxus ausruhend voll zu fressen: Anstatt geschehendes Unrecht zu bekämpfen, sich über Bäume zu unterhalten. pö a pö abzuhalten während in Indien Demonstrierende erschossen werden – und nicht nur dort. Doch wie könnte man das eine ohne das andere tun? Wir sind permanent einer Überfülle an konfligierenden moralischen Imperativen und unseren begrenzten Möglichkeiten ausgesetzt. Es braucht die Momente des Loslassens, um Raum, Kraft und Überblick zu schaffen, die Prioritäten neu zu setzen. Zurück zum Ausgangsproblem: Tatsächlich treffen sich Manifest und Loslassen – im Flugblatt.

Lasst uns also pö a pö uns aufeinander loslassen.

PS: Lass es, Lasse!


1Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen in: Elisabeth Hauptmann [Hrsg.]: Gesammelte Werke. Bd. 9/20, Frankfurt: Suhrkamp, 1967, S. 722-725.


Hey ho, let’s go


Recap #6

Dear comrats,
there was a pö a pö last year that we didn’t tell from yet! The topic was ‘let go’ which became the principle of the day. ‘Twas magnificent for all people present to see to which regions such an evening can proceed. If you don’t stick to close to the plans made such a programme, evening or just the bunch of people can develop as never expected. The few ingredients you need: self-made glew-wine, authentic Dum Aloo and the time and courage not to hold on too tight.
The list of retrospectively ordered contributions visible above (the english parts are marked in red) is speaking for itself; the sketch found the day after while tidying up is just the aperitif.

Best
Lennart

PS: The expenses for food and beverages got exactly covered by the amount of money collected. With neither savings nor debts we start in a new year.


Invitation #6

Dear comrats,

tomorrow will be the Saturday, 21st of December, and also pö a pö taking place again. Already at 6 o’clock. Before we find a permanent home to quickly we’ll discover a new place namely Trutz’ studio at Gebäude 8, Deutz-Mülheimer Straße 127, Cologne [map]. (Pass by the event location Gebäude 9 and take the entrance directly afterwards on the right side. There’ll be signs!)

The topic of »let go« does not only result in such a late invitation but is gonna affect the whole evening. But as always: Once you’re made yourself too comfortable there’s some issue popping up: We can’t and won’t be silent to the ongoing protests in India.

Best
Lennart


Manifest #6

Dear comrats,

it’s apparently in impossible task to write a manifesto about »let go«. First of all letting go of something and to manifest something are completely incompatible approaches. But maybe it remains possible to contemplate about »let go« as such. There are definitely things worth to observe in detail if you take the task serious. Every metaphorical usage of language is rooted in some reference to the outside world of immediate experience. So it’s the case with »let go«. In the logic of this image every »let go« proceeds and requires some »hold«. Only something you held before you can drop afterwards.

We advise you not to follow advice.

We like to think of ourselves as autonomous individuals holding all ties together, navigating us through our lives. It’s a good feeling in general to have control about what’s happening and what to do. The wish to release control – which may be an accurate definition of the metaphorical meaning of »let go« – usually stems from an overload. Once the threads are tangled up the puppet will hang distorted in the air and every further pulling and holding will only tighten the knot. The only help is to get the hands out of the game. In German the words for »hands« and »action« are etymological related. But that language specific phenomenon shouldn’t conceal that loosening the grip and letting go can qualify as a reasonable action as well.

The harmless word is foolish.1

Only if you kept your hands free you’re able to grasp something new, accept a new task. Letting go and grasping follow each other as rain and sun or sleep and wake. It’s not about to decide for one of it. The difficulty rather consists in knowing what to do at which moment. It would be foolish to be lazy in dark times and speak about random stuff instead of addressing the current injustices: to celebrate pö a pö while protesters get shot in India and beyond. But how could you do the one thing without the other? We receive permanently a surplus of moral imperatives which are in conflict which each other as well as our limited resources. We need these moments to let go, recuperate power and gain an overview in order to set new priorities. Coming back to our starting issue we figured how manifesto and »let go« meet: in the leaflet.

Let’s let us pö a pö go.

PS: Hey ho, let’s go.


1My translation of: Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen (Engl.: To Those Born After) in: Elisabeth Hauptmann [Hrsg.]: Gesammelte Werke. Bd. 9/20, Frankfurt: Suhrkamp, 1967, p. 722-725.

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